Berliner Konfektion

D. Levin, Berliner Konfektionär, um 1894

Berliner Konfektion bezeichnet die Erfolgsgeschichte der deutschen Bekleidungsherstellung zwischen 1836 und 1928 (Kaiserreich und Weimarer Republik). Die Modefirmen, auch Konfektionäre genannt, nutzten erfolgreich die serienmäßige Herstellung von Kleidung (Konfektion). Berlin entwickelte sich zu einer bedeutenden Modemetropole Europas.

Herstellungsverfahren und Modernität

Mit dem System der Zwischenmeister konnten die Konfektionsfirmen die Handwerksarbeit auf ein breites Spektrum von Näherinnen auslagern.[1] Mengenanpassungen und modische Änderungen waren so leichter möglich. Der Konfektionär nutzte die modischen Vorgaben aus Paris, musste aber, entsprechend den Haute-Couture-Kriterien, kein firmeneigenes Nähatelier unterhalten.

Die Pioniere

Bereits bei der Herstellung von Uniformen für preußische Soldaten wurde nach „Normalfiguren“ genäht und auf Lager gelegt.[2] Hieran anknüpfend waren die ersten Konfektionswaren Herrenmäntel.

Im Jahre 1837 begann Valentin Manheimer seine Herstellung von Damenmänteln und damit auch die Epoche der Berliner Konfektion. Zwischen 1836 und 1842 eröffneten weitere Pioniere ihre Firmen: David Levin (Damenmäntel), Herrmann Gerson (Hoflieferant, Modekaufhaus, Inneneinrichtungen), Kaufhaus Nathan Israel (Warenkaufhaus) und Rudolph Hertzog (Bekleidung).[3.1]

Modenschauen und Jahreszeiten

In jeder Modemetropole planen die Macher (Konfektionäre, Couturiers, Modeschöpfer) ihr Angebot für den nahenden Sommer bzw. Winter. In Paris werden im Januar die Kollektionen für den Sommer vorgeführt.

Bevor die Vorführungen mit „lebenden“ Mannequins (seit 1910) auf Modenschauen abliefen, verabredeten sich die Couturiers oder Konfektionäre mit den Kunden. Der Couturier in Paris empfing seinen wohlhabenden Kunden im Anprobe-Atelier im Rahmen der Collections (Haute Couture). Während der Berliner Durchreise empfing der Konfektionär dort den Facheinkäufer im Vorführraum.

Qualität und Reputation

Den weltweit besten Ruf hatte zumeist die Modekunst (Damenbekleidung) der Haute Couture, entstanden in Paris.

Die mehr handelsorientierte, deutsche Bekleidungsherstellung unterschied zwischen drei Qualitätsstufen:[3.2]

  • Modell- oder Couture-Genre (Modellkonfektion)
  • Mittelgenre – (in Paris später Prêt-à-porter)
  • Stapelgenre.

Die Firmen der Modellkonfektion kauften auch Originale in Paris, einschließlich der Lizenz des jeweiligen Couturiers die Schnitte nutzen zu dürfen. Die Originale der Pariser Couturiers waren schon deshalb nicht einfach zu kopieren, weil jeder Couturier zusammen mit seinem Stoffhersteller eigene exklusive Stoffe für die Kollektion entwarf. Diese Stoffe durften an niemanden sonst verkauft werden.[4]

Auch deutsche Modehäuser beschäftigten talentierte Designer für eigene Kreationen. Für die modische Identität der Berliner Konfektion zeichneten besonders folgende Modedesigner (1928):

Vor allem in den „Goldenen Zwanzigern“ war Berlin eine weltweit beachtete Modemetropole.

Wirtschaftliche Bedeutung

In der Zeit zwischen 1837 und 1913 fanden gravierende, gesellschaftliche Veränderungen statt. Von der industriellen Revolution und den nachfolgenden Innovationen profitierten zuerst die großen Städte, Wirtschaft und Bevölkerungszahlen wuchsen. Prachtvolle Kaufhäuser (Macy’s, Le Bon Marché, Harrods, Kaufhaus Nathan Israel, Wertheim) versorgten die begüterte Bevölkerung.[3.3]

Frauen emanzipierten sich, sowohl in der Mode als auch in der Arbeitswelt. Es entstanden in Berlin typische Frauenberufe: Verkäuferin, Telefonistin usw.[6]

Vor dem Ersten Weltkrieg war die Bekleidungsherstellung und die Berliner Konfektion so erfolgreich, „daß sie nach Elektroindustrie und Maschinenbau zum zweit- bzw. drittwichtigsten Industriezweig Berlins wurde“.[5.2]

Ein Zeugnis für die Leistungsfähigkeit der Berliner Konfektion waren die Exporte in die nachfolgenden Länder:

Russland, Frankreich, England, Niederlande, Belgien, Spanien, Schweden, Norwegen, USA, Kanada, Argentinien, Brasilien.[3.4][5.3]

Niedergang und Ende

Nach dem Ersten Weltkrieg erlitt die Deutsche Wirtschaft Einbußen durch Reparationen, Putschversuche und Inflation. Erst ab 1925 besserte sich die Situation in der Weimarer Republik. Bereits mit der Weltwirtschaftskrise, ab 1929, gerieten bedeutende Konfektionäre wie Herrmann Gerson[7] in wirtschaftliche Not. Gerson war nur einer von zahlreichen jüdischen Betrieben, die die Berliner Konfektion prägten.

Schon vor 1933, dem Jahr der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten, agitierte die NSDAP mit herabsetzendem und bösartigem Antisemitismus gegen die jüdischen Konfektionäre. Sehr schnell begann dann die „Entjudung“ genannte Auslöschung der Betriebe jüdischer Inhaber.[3.5] Deren Familien wurden diskriminiert, enteignet und, soweit ihnen nicht die Flucht durch Emigration möglich war, in die Konzentrationslager deportiert und dort ermordet. Nach 1938 bestand in Berlin kaum noch die Möglichkeit, sich den Verfolgungen zu entziehen.[8]

Das Kollektiv deutscher und jüdischer Modemacher der Berliner Konfektion zerbrach damit im Jahr 1936.

Siehe auch

Quellen

  • Kristin Hahn, Sigrid Jacobeit: Brennender Stoff, Deutsche Mode jüdischer Konfektionäre vom Hausvogteiplatz. 1. Aufl. Hentrich & Hentrich, Berlin 2018, ISBN 978-3-95565-275-3.
  • Kreutzmüller, Eva-Lotte Reimer: Konfektion und Repression. In: Bundesministerium der Justiz (Hrsg.): Öffentlichkeitsarbeit und Bürgerdialog, Frankfurt 2022.

Einzelnachweise

  1. Kristin Hahn, Sigrid Jacobeit: Brennender Stoff, Kapitel: Heimnäherinnen. S. 29 ff.
  2. Brunhilde Dähn: Berlin und die Konfektion. In: Berlin Street. Berlin Street, August 2009, abgerufen am 1. November 2025.
  3. Uwe Westphal: Berliner Konfektion und Mode, 1936–1939, Die Zerstörung einer Tradition. , 2. Auflage, Hentrich & Hentrich Berlin, 1992, ISBN 3-89468-044-X.
    1. S. 19
    2. S. 60
    3. S. 29
    4. S. 21
    5. S. 186–188
  4. Berliner Tageblatt, Ausg. 8 Seite 17: Wie die Mode gemacht wird. In: deutsche-digitale-bibliothek.de. Berliner Tageblatt, August 1925, abgerufen am 18. Dezember 2025.
  5. Gesa Kessemeier: Modestadt Berlin, Geschichte der Berliner Konfektion und Modesalons 1836–1936. 1. Aufl. Hentrich & Hentrich, Berlin 2025, ISBN 978-3-95565-730-7.
    1. S. 18–20
    2. S. 26
    3. S. 28
  6. Uwe Westphal: Jüdische Berliner Modegeschichte – und was blieb. In: Berlin.de. Aus und über Berlin, Dezember 2021, abgerufen am 1. November 2025.
  7. Gesa Kessemeier: Ein Feentempel der Mode oder Eine vergessene Familie, ein ausgelöschter Ort. 2. Aufl. Hentrich & Hentrich, Berlin 2013, S. 28, ISBN 978-3-95565-018-6.
  8. Uwe Westphal: Berliner Konfektion und Mode, 1936–1939, Die Zerstörung einer Tradition. Edition Hentrich Berlin, 1. Auflage 1986, S. 164, ISBN 3-926175-04-4.