Flächenkonkurrenz

Als Flächenkonkurrenz wird allgemein die Konkurrenz um Fläche durch verschiedene Nutzungsformen bezeichnet. Als Hauptflächenformen auf dem Gebiet Deutschlands unterscheidet das deutsche Umweltbundesamt Landwirtschaftsflächen, Waldflächen, Wasserflächen, Flächen für Siedlung und Verkehr sowie „Sonstige Flächen einschl. Abbauland, Unland und Gehölz“.[1]

Dauerkonflikte

Flächenneuinanspruchnahme durch Siedlungen, Gewerbe und Verkehrsinfrastrukturen

Weltweit war die von Menschen geschaffene Masse an z. B. Gebäuden und Infrastruktur bereits im Jahr 2020 höher als die gesamte Biomasse der Pflanzen und Tiere.[2]

Im Alpenraum sind aufgrund des Reliefs die für Siedlungsbau geeigneten Flächen – der sogenannte Dauersiedlungsraum – verhältnismäßig knapp im Vergleich zum Flachland. Weitere Einschränkungen der für Dauersiedlungen geeigneten Flächen entstehen durch Naturgefahren wie Hochwasser, Lawinen, Muren, Rutschungen sowie durch klimatische Einschränkungen in den Höhenlagen. Gleichzeitig befinden sich im Dauersiedlungsraum auch die fruchtbarsten Böden. So kommt es zu vielfältigen Nutzungskonflikten insbesondere durch die Flächenkonkurrenz zwischen Siedlungen und Verkehrsinfrastruktur auf der einen und Landwirtschaft auf der anderen Seite.[3]

Bezogen auf die Situation in Österreich, sprach das Climate Change Centre Austria (CCCA) im Jahr 2022 von einem „Flächenfraß“ durch Siedlungen, Gewerbe und Verkehrsinfrastrukturen, da zwischen 2010 und 2020 die Bevölkerung Österreichs um 6 %, die Inanspruchnahme für die genannten Flächen jedoch um 10 % gestiegen sei.[4]

Flächennutzungseinschränkungen und -verbote durch Maßnahmen zum Umwelt-, Natur- und Landschaftsschutz

Aus Gründen des Natur- und des Umweltschutzes werden auch zuvor „in Wert gesetzte“ Landflächen mit Auflagen versehen, die bestimmte Formen der Erzielung von „Nutzen“ durch Menschen einschränken oder verbieten sollen. Einige Flächen werden im Interesse des Artenschutzes vor dem Betreten und Befahren durch „Unbefugte“ geschützt. Die Ausweisung von Landschaftsschutzgebieten soll Flächen darüber hinaus vor dem nicht genehmigungsfähigen Bau von Gebäuden und der Beeinträchtigung bzw. der Zerstörung des Landschaftsbildes von Kulturlandschaften schützen.

Nahrungsmittelerzeugung gegen Energieerzeung und -transport

Palmölplantage in Malaysia
Wird für Palmölplantagen Urwald gerodet ist der PME 2,5-mal so klimaschädlich wie Diesel aus fossilem Erdöl. Wachsen die Palmen auf vorher nicht genutztem Grasland verbessert sich die Klimabilanz[5]

Die Begriffe „Tank“, „Trog“ und „Teller“ werden seit 2007 als Abkürzungen für die Interessen der Energiewirtschaft („Tank“), der Viehzucht („Trog“) und der Erzeugung pflanzlicher Nahrung unmittelbar für Menschen („Teller“) benutzt. Eine Konkurrenz zwischen „Tank“ und „Trog + Teller“ besteht in der engeren Auslegung des Begriffs „Tank“ zwischen Biokraftstoffen und Nahrungsmitteln.[6][7] Aktuell beschreibt der Ersatzbegriff „Tank“ die Rolle der Energiewirtschaft als Konkurrent der Nahrungsmittelproduktion nur unzureichend, da die für die Produktion von Nahrungsmitteln zur Verfügung stehende Fläche auch durch die Masten neuer Strom-Überlandleitungen, Windräder, große Photovoltaikanlagen auf Feldern und Weiden usw. verkleinert wird.

Laut einer Prognose in dem von der Agentur für Erneuerbare Energien im Januar 2010 vorgelegten Potenzialatlas Erneuerbare Energie[8] werde der für Bioenergie benötigte Flächenbedarf in Deutschland von seinerzeit 1,6 Millionen Hektar auf 3,7 Millionen Hektar im Jahr 2020 ansteigen. Dadurch würden 15 % des gesamten deutschen Strom-, Wärme- und Kraftstoffbedarfs durch Bioenergie gedeckt werden können. Die Versorgung mit Lebensmitteln sei dabei zu keinem Zeitpunkt gefährdet. „Trotz des steigenden Anteils der Bioenergie gibt es jedes Jahr deutliche Überschüsse bei der Getreideernte in Deutschland und der EU“, so Daniela Thrän vom Deutschen Biomasseforschungszentrum (DBFZ). „Die Produktivität in der Landwirtschaft steigt im Schnitt weiter an. Hinzu kommen Reststoffe wie Stroh, Gülle oder Restholz sowie brachliegende Flächen – das Potenzial bei Bioenergie ist also immer noch sehr groß.“[9] In der EU werden nach Erhebungen verschiedener EU-Agrarforschungsprojekte bis 2020 mehr als 20 Millionen Hektar frei, die für Energiepflanzen verwenden werden können.[10][11]

Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO wurden weltweit in den 2000er Jahren auf rund 30 Millionen Hektar (ca. 2 % der weltweiten Ackerfläche) Energiepflanzen angebaut. In dieser Zeit wurden lediglich 5 % der globalen Getreideernte zur Herstellung von Biokraftstoffen genutzt.[12] Von der europäischen Getreideernte werden nur 1,6 % für Biokraftstoffe genutzt. Der überwiegende Teil (58 %) wird für Viehfutter verwendet.[13] Angesichts dieser Größenverhältnisse erschien der FAO die Nutzungskonkurrenz zwischen Nahrungs- und Energiepflanzenanbau seinerzeit nicht als akut.

Nach im Jahr 2012 veröffentlichten Berechnungen von Michael Schmitz, Professor für Agrar- und Entwicklungspolitik an der Justus-Liebig-Universität Gießen, waren die Preisanstiege der späten 2000er Jahre bei Nahrungsmitteln nur zu einem geringen Teil auf die erhöhte Nachfrage nach Biokraftstoffen zurückzuführen. Für eine Studie simulierte er die Auswirkungen der erhöhten Biokraftstoffproduktion auf das Preisniveau von neun Agrarprodukten in 16 Ländern bis zum Jahr 2020. Der ermittelte Preisunterschied betrug bei Weizen 2,1 %, bei Futtergetreiden 7,3 %, bei Ölsaaten 7,1 % und bei Rohzucker 21,2 %. Bei Reis war überhaupt kein Einfluss festzustellen.[14] Biokraftstoffe und ihre Förderung könnten „nicht für Hunger und Armut in der Welt verantwortlich gemacht werden […] Selbst ihr Einfluss auf das Preisgeschehen am Weltmarkt ist begrenzt oder nur im Zusammenspiel mit anderen Treibern kurzfristig bedeutsam.“[15]

Der UN-Sondergesandte für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, bezeichnete 2008 die Herstellung von Bioethanol in einem Interview des Bayerischen Rundfunks als Verbrechen gegen die Menschheit (wörtlich: „Die Bio-Treibstoff-Fabrikation heute ist ein Verbrechen gegen die Menschheit.“) und hat den Anbau von Energiepflanzen als drohendes Massaker an den Menschen in Entwicklungsländern kritisiert. Gleichzeitig warnte er angesichts von rund 850 Millionen hungernden Menschen vor Unruhen und Aufständen. Der Anbau von Energiepflanzen wurde auch beim Frühjahrstreffen des Internationalen Währungsfonds als Gefahr für die Ernährung der Weltbevölkerung bezeichnet. Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul erklärte am Rande der Konferenz, dass die Erhöhung des Lebensmittelpreises um einen Prozentpunkt ungefähr 16 Millionen Menschen zusätzlich der Gefahr des Hungers aussetze. Weiter forderte sie eine Aussetzung der Bioethanolbeimischung.[16] Laut Vereinten Nationen würden jedes Jahr 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel in den Müll geworfen, was rechnerisch etwa viermal so viel wie nötig wäre, um das Hungerproblem in der Welt zu lösen. Allein die in den Industrienationen weggeworfene Menge von 300 Millionen Tonnen jährlich würde reichen, um alle hungernden Menschen zu ernähren.[17]

Verschiedene Beobachter, wie der Politikwissenschaftler Wolfgang Gründinger, betonten 2011, es sei überzogen und nicht korrekt, Biotreibstoffe für alle Fehlentwicklungen in der internationalen Landwirtschaft verantwortlich zu machen. Die primäre Flächenkonkurrenz bestehe zur Fleischproduktion: In Brasilien hätten seinerzeit 220 Millionen Hektar als Weideland und 23 Millionen Hektar für Sojafelder für Viehfutter gedient. Nur auf sechs Millionen Hektar hätten sich Zuckerrohrplantagen befunden, von denen wiederum nur die Hälfte für Bioethanol genutzt worden seien – und dieser Treibstoff fließe in die Tanks der heimischen brasilianischen Ethanolautos und diene kaum dem Export. Allein Deutschland habe jährlich 40 Millionen Tonnen Soja aus Übersee importiert. Das habe rund 20 Millionen Hektar Fläche beansprucht – so viel wie ein Zehntel der gesamten Agrarfläche der EU.[18] Ohne die Koppelprodukte aus der Biokraftstoffproduktion müsste Deutschland fast 50 % mehr Soja-Futtermittel importieren. Auf den Getreidemärkten ist die EU dagegen ein Nettoexporteur auf den Weltmärkten. Für das Wirtschaftsjahr 2012/13 wurde mit EU-Weizenexporten von 16 Millionen Tonnen gerechnet, gegenüber Importen von 5,5 Millionen Tonnen.[19]

Fleischerzeugung gegen Erzeugung von Nahrung für die unmittelbare Nutzung durch Menschen

Verschiedene Agrarwissenschaftler betonten 2012, dass die primäre Nutzungskonkurrenz seinerzeit nicht zwischen „Teller und Tank“, sondern zwischen „Teller und Trog“ bestanden habe. „Bei beispielsweise 8 kg Getreide, die zur Erzeugung von 1 kg Rindfleisch verwendet werden, spitzt sich dabei insbesondere die Konkurrenz zwischen Teller und Trog immer mehr zu“, so etwa Wilfried Bommert, Autor des Buches Kein Brot für die Welt.[20] Im Schnitt seien sieben pflanzliche Kalorien nötig, um eine Kalorie Fleisch zu erzeugen. Durch eine Senkung des Fleischkonsums könnten große Anbauflächen und Getreidemengen zugunsten der menschlichen Ernährung statt für die Viehmast genutzt werden. Zu beachten sei jedoch die positive Lebensmittelkonversionseffizienz von Milchkühen.

Im Amazonasgebiet habe laut Greenpeace 2010 nicht der Energiepflanzenanbau (z. B. von Zuckerrohr) eine bedeutende Gefährdung der Regenwälder ausgelöst, sondern vielmehr der Anbau von Futtermitteln sowie die Schaffung von Weideflächen. Laut Greenpeace seien seinerzeit insgesamt 80 Prozent des Regenwaldverlustes im Amazonasgebiet auf das Konto der Tierhaltung gegangen.[21] Andere Quellen sehen Widersprüche in den unterschiedlichen Quellen bezüglich der konkreten abgeholzten Regenwaldflächen.[22]

Zudem war (Stand: 2009) die Tierhaltung allein für 18 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich.[23] Durch eine Reduktion des Fleischkonsums könnten der Klimawandel entscheidend begrenzt und die durch ihn verursachten Kosten um weltweit 20 Milliarden US-Dollar verringert werden.[24]

Fälle akuter gravierender Auswirkungen von Flächenkonkurrenz

Nahrungsmittelkrise 2007/2008

Anlass für eine Diskussion über Flächenkonkurrenz war die Nahrungsmittelpreiskrise 2007–2008.

In den Jahren 2007/2008 stiegen die Weltmarktpreise für Grundnahrungsmittel sprunghaft an. Verschiedene Stimmen führten die Preissteigerung auf die erhöhte Bioenergie-Nachfrage durch Europa und die USA zurück.[25][26][27]

In mehreren Ländern kam es zu Hungeraufständen. In Mexiko führten die steigenden Maispreise zu Massendemonstrationen (Tortilla-Krise). Die stark gestiegene Verwendung von Mais zur Bioethanolerzeugung in den USA galt als wichtiger Grund für den starken Anstieg des Tortilla-Preises in Mexiko.[28][29]

Der Preisanstieg war durch mehrere Faktoren bedingt. Neben der erhöhten Bioenergie-Nachfrage spielten weitere Faktoren eine Rolle: das Wachstum der Weltbevölkerung, der stark ansteigende Fleischkonsum insbesondere in bevölkerungsreichen Schwellenländern wie China und Indien, eine Folge von Missernten und Dürren, die Verteuerung von Düngemitteln (infolge hoher Erdölpreise), sowie Spekulationen an den Warenterminbörsen.[26][30] Laut einem IFPRI-Modell war die verstärkte Produktion von Biokraftstoffen für etwa 30 % des Preisanstiegs bei Getreide (insbesondere Mais) zwischen 2000 und 2007 verantwortlich.[31] Ähnliche Zahlen legte die Weltbank vor.[32] Allerdings sank laut FAO Food Price Index das Preisniveau an den Weltmärkten anschließend wieder, obwohl unverändert Bioenergie gewonnen wurde.[33][34] Die Weltgetreidevorräte erhöhten sich 2014 wieder auf 192 Mio. t, gleich einem Drittel der globalen Jahresernte.[35]

Experten von Oxfam, der Welthungerhilfe und UNCTAD sahen den ausschlaggebenden Faktor in der Spekulation auf Nahrungsmittel.[36][37][38] „Wir nehmen an, dass Indexfondsaktivität … eine Schlüsselrolle bei der Preisspitze von 2008 gespielt hat. Biosprit spielte auch eine gewisse Rolle, aber viel weniger, als ursprünglich gedacht“, so John Baffes in einem Arbeitspapier der Weltbank.[39] Dem widerspricht der Wirtschaftsethiker Ingo Pies. Empirische Befunde sprächen dagegen, dass Spekulation für die Preisanstiege verantwortlich war. Vielmehr habe es eine tatsächliche realwirtschaftliche Verknappung von Nahrungsmitteln gegeben. Die wichtigsten Gründe hierfür seien das starke Wirtschaftswachstum in Schwellenländern, die Einführung milliardenschwerer Subventionsprogramme für „Biosprit“ in den USA und in der EU sowie wetterbedingte Ernteausfälle gewesen.[40]

Nach 2011 kam es zu einer Entspannung auf den Weltagrarmärkten. Die Überschüsse etwa von Reis als bedeutendstem Nahrungsgetreide, von Grobgetreide für Tierfütterung sowie Weizen stiegen laut UN-Landwirtschaftsorganisation (FAO) deutlich an. Allein die weltweiten Bestände dieser Getreidearten, also die Vorräte in den Lägern, sollen zusammen rund 564 Millionen Tonnen erreichen. Am Ende des Wirtschaftsjahres 2012/13 waren es 497 Millionen Tonnen.[41]

Bei anhaltend starkem Ausbau ist zukünftig jedoch mit einer wachsenden Nutzungskonkurrenz zu rechnen.[26][42] Dies hätte möglicherweise erhöhte Nahrungsmittelpreise zur Folge. Höhere Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse werden aber mittelfristig als positiv für die Landwirtschaft – insbesondere in Entwicklungsländern – gesehen. Derzeit sind die heimischen Erzeugnisse oft nicht konkurrenzfähig gegenüber den subventionierten und somit billigeren Agrarimporten aus Industrieländern, so dass Landwirte erwerbslos werden und Agrarflächen nicht wirtschaftlich genutzt werden können.[26][43]

Durch Nutzung von degradierten Flächen sowie durch Nutzung von landwirtschaftlichen Reststoffen ist eine Verringerung der Flächenkonkurrenz möglich.[44] Auch bei der perspektivischen Herstellung von Treibstoffen aus pflanzlichen Abfällen (Cellulose-Ethanol, BtL-Kraftstoff) ist die Nutzungskonkurrenz deutlich geringer.

Situation in Deutschland

In einer im Juli 2025 veröffentlichten Studie untersuchte der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) die Positionen zentraler Interessengruppen in der Konkurrenz um die Nutzung von Landflächen, aber auch von küstennahen Gewässerflächen in Deutschland. Die Studie beschäftigt sich intensiv (in der folgenden Reihenfolge) mit der Entwicklung in den Bereichen Siedlung und Verkehr, im Energiesektor, bei Wäldern, in der Landwirtschaft und beim Naturschutz. Durch den Einbezug des Naturschutzes wird die Frage relevant, welche Flächen gar nicht oder nur in eingeschränktem Umfang für die Nutzung von Menschen zur Verfügung gestellt werden sollten. Auch müsse die Qualität der Nutzbarkeit bestimmter Flächen für bestimmte Nutzungsinteressenten bei der Aufstellung kommunaler Flächennutzungspläne berücksichtigt werden.[45] In Abschnitt 7. der Studie befasst sich der BUND auch mit der Rolle des Meeres, insbesondere der von küstennahen Gewässern, bei einer Gesamtbetrachtung des Themas „(Nicht-)Nutzung von Flächen auf dem Gebiet eines Staates“.[46]

Nahrungmittelserzeugung gegen Energieerzeugung und -transport

2019 wurde in Deutschland auf 2,64 Millionen Hektar Mais angebaut. Rund zwei Drittel (63 %) dienten der Futtermittelproduktion, die übrigen 37 % entfielen auf den Anbau von Energiemais für Biogasanlagen.[47]

Die Nutzungskonkurrenz führt auch in Deutschland zu einem Preisanstieg für diese Produkte. Steigende Pacht- oder Kaufpreise für landwirtschaftliche Flächen sind häufig in einzelnen Regionen Deutschlands zu beobachten, in denen der Anbau von Energiemais stark zugenommen hat. Teilweise kommt es zu Konflikten.[48]

Umgang mit Wäldern bzw. Gehölzen und mit der Ressource Holz

Die Landesfläche des heutigen Landes Rheinland-Pfalz war um das Jahr 0 herum zu ca. 90 Prozent mit Wald bedeckt. Durch großflächige Rodungen sank der Waldanteil des Landes bis zum 14. Jahrundert auf ca. 15 Prozent. Für das Jahr 2012 wird ein Anteil von 42,3 Prozent angegeben.
Im Laufe des Mittelalters nahm die Bevölkerungszahl im heutigen Deutschland stetig zu. Dieses führte zu einer Intensivierung der Rodungstätigkeiten. Holzhandelsgesellschaften übernutzten die Wälder. Insbesondere die Eisenindustrie verbrauchte während der aufkommenden Industrialisierung viel Energie, die zunächst durch Verwendung von Holz bzw. indirekt durch Holzkohle erzeugt wurde. Holzknappheit war der Hauptgrund für die Entstehung einer geregelten Forstwirtschaft. Die Industrie wanderte bei der zunehmenden Holzverknappung in die Kohlegebiete ab. Weiterhin wurden die Wälder stark landwirtschaftlich genutzt. Das Vieh wurde zum Weiden in die Wälder getrieben. Das herabgefallene Laub der Bäume, die Streu, diente als Strohersatz in den Ställen. Hierdurch wurde den Waldböden die wichtigsten Nährstoffe entzogen, die sich überwiegend im Laub der Bäume befinden. Auf den entstehenden Rohböden konnten sich viele Baumarten nicht mehr verjüngen. Weiterhin erlangte die Gewinnung von Gerbrinde von jungen Eichen zum Gerben von Leder eine größere Bedeutung. Die aufkommende Verarmung der Bevölkerung im 19. Jahrhundert verstärkte noch einmal den landwirtschaftlichen Druck auf den Wald.[49]

Den geringsten Anteil von Wäldern an der Fläche deutscher Länder weist heute (mit elf Prozent) das Land Schleswig-Holstein auf. Große zusammenhängende Wälder gibt es nur noch im Süden des Landes: den Sachsenwald mit 6000 Hektar, den Segeberger Forst mit 4000 Hektar und den Ricklinger Forst mit 2000 Hektar. Auf dem Gebiet des Landkreises Dithmarschen beträgt der Anteil der Waldfläche nur 3,3 Prozent.
Auch Schleswig-Holstein war in der Antike „von Küste zu Küste“ bewaldet. Eine langfristige Holzverknappung trat in Schleswig-Holstein aus ähnlichen Gründen ein wie in Rheinland-Pfalz und anderen Ländern Deutschlands. Eine Besonderheit bestand in dem „Land zwischen den Meeren“ darin, dass im Interesse des Küstenschutzes viel Holz für den Deichbau benötigt wurde. Der Tiefpunkt der Holzverknappung trat in Schleswig-Holstein um 1850 ein.

Eine geregelte Forstwirtschaft entwickelte sich in Deutschland im 18. Jahrhundert. In Schleswig-Holstein führt diese dazu, dass seit 1850 der Waldanteil im Land langfristig erhöht.[50] Eine wichtige Rolle hierbei spielt der Umstand, dass das Prinzip der Nachhaltigkeit zuerst auf Forsten angewendet wurde. In Forsten darf nur so viel Holz geschlagen werden, wie permanent nachwächst. Damit langfristig in einem bestimmten Wald stets dieselbe Menge an Holz geschlagen werden kann, ist die Frage ausschlaggebend, nach wie viel Jahren ein neu gepflanzter Setzling erntereif ist. Wenn z. B. die betreffende Zeitspanne 80 Jahre beträgt und kahlgeschlagene Flächen sofort mit Setzlingen derselben Baumart besetzt werden, dann darf jedes Jahr 1/80 (= 1,25 Prozent) der Bäume gefällt werden.

In einem neueren Verständnis des Begriffs „Nachhaltigkeit“ wird das Ziel der Möglichkeit zum langfristigen Wirtschaften im Sinne eines Drei Säulen-Modells um die Ziele des gleichzeitigen und gleichberechtigten Umsetzens von Umweltschutz und eines fairen Miteinanders der Generationen ergänzt.

Holz wird heute nicht mehr nur als Brennstoff oder Baumaterial betrachtet, das am Beginn einer Wertschöpfungskette steht, wobei der Boden primär als Produktionsfaktor im Sinne der Volks- und Betriebswirtschaftslehre betrachtet wird. Verstärkt werden Bäume und vor allem Gehölze und Wälder als Kohlenstoffsenken kategorisiert. Wälder liefern vor allem dann einen entscheidenden Beitrag zur Anpassung an die globale Erwärmung, wenn sie aufgrund der Zusammensetzung ihrer Baumarten (nach der Ablösung von Monokulturen durch Mischwälder) dem mit dem Klimawandel verbundenen Stress standhalten.

Mit Bezug auf die Zukunft von Schulwäldern stellte die niedersächsische Stiftung „Zukunft Wald“ fest: In Niedersachsen sind Schulwälder „genehmigte Erstaufforstungen. Dadurch werden diese per Gesetz Wald, werden immer Wald bleiben, und tragen zur Zunahme der Waldfläche in Deutschland bei.“[51] Damit werden in Niedersachsen Wälder vor Begehrlichkeiten seitens der Vertreter konkurrierender Nutzungsinteressen geschützt.

Strategien zur Entschärfung von Konflikten

Begrenzung der Nahrungsmittelverschwendung

Weltweit werden jährlich 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Das wäre ungefähr die Hälfte aller Lebensmittel und genug, um drei Milliarden Menschen zu ernähren, so die UN-Landwirtschaftsorganisation FAO. So entsorgen in Europa und Russland die Konsumenten durchschnittlich 95 Kilogramm pro Kopf und Jahr, die Lebensmittelindustrie 186 Kilogramm.[52] In Deutschland wirft jeder Bürger durchschnittlich 82 Kilogramm im Gegenwert von 235 Euro pro Jahr weg, so eine Studie des Verbraucherministeriums.[53] Bei Reduktion der Verschwendung und höherer Effizienz in Transport und Verteilung von Nahrungsmitteln könnte somit der Welthunger wesentlich entschärft werden.

Koppel- und Kaskadennutzung

Kann ein Erzeugnis mit seinen Nebenprodukten verschiedenen Nutzungen parallel zugeführt werden, so bezeichnet man dies als Koppelnutzung. Ein Beispiel ist die Verwendung von Rapsöl als Lebensmittel oder Energieträger und die Nutzung des Rapskuchens oder des Rapsextraktionsschrotes als Futtermittel. Unter Kaskadennutzung versteht man dagegen eine hintereinander geschaltete stoffliche und energetische Nutzung, wobei die energetische Nutzung (Verbrennung) erst am Ende des Produktzyklus steht. Beide Strategien führen zu einer Erhöhung der Wertschöpfung je Fläche und damit zu einer Entschärfung der Flächen- bzw. Nutzungskonkurrenz. Angewandte Forschung auf diesem Gebiet wird daher vom BMELV im Rahmen des Förderprogramms Nachwachsende Rohstoffe der Bundesregierung gefördert.[54]

Zertifizierung

Um die Inanspruchnahme und Zerstörung natürlicher Ökosysteme zu begrenzen, wurde in der Richtlinie 2009/28/EG (Erneuerbare-Energien-Richtlinie) der Europäischen Union gefordert, dass Biomasse zur Nutzung als Biokraftstoff und zur Erzeugung von Bioenergie künftig bestimmte Nachhaltigkeitskriterien erfüllen müsse, wie ein Mindesteinsparpotential für Treibhausgase, Erhaltung der Biodiversität, Einhaltung von Sozialstandards. In Deutschland wurde diesen Vorgaben für den Bereich der Stromherstellung durch die Biomassestrom-Nachhaltigkeitsverordnung[55] entsprochen. Analog dazu wurde die Biokraftstoff-Nachhaltigkeitsverordnung erlassen.[56] Darüber hinausgehend fordert der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen einen globalen Landnutzungsstandard, d. h. einen Standard zur Nachhaltigkeit der Landnutzung der sämtliche Nutzungsarten (Nahrungs- und Futtermittel, energetische und stoffliche Nutzung) einschließt.[57][58] Der Direktor des Umweltbundesamtes, Jochen Flasbarth, erklärte: „Würden an alle landwirtschaftlichen Nutzungen so hohe Anforderungen wie an den Biosprit gestellt, dann lebten wir in einer besseren Welt.“[59]

Vermeidung von Sojaimporten durch Biokraftstoffe

Beim Anbau von Bioenergie aus Raps, Getreide und Zuckerrüben in Deutschland fallen neben dem Kraftstoff selbst auch sog. Koppelprodukte an, die als Futtermittel verwendet werden. Rapsschrot bzw. Rapskuchen aus der Biodieselherstellung sowie Getreidetrockenschlempe und Rübenschnitzel/-melasse aus der Bioethanolherstellung eignen sich in der Viehzucht als wertvolle Eiweißfuttermittel und ersetzen damit Importe von Sojaschrot aus Übersee. Dadurch vermindert sich der Druck auf Anbauflächen in anderen Ländern und mindert den Druck zur Rodung von Regenwäldern. Derzeit (2010) wachsen in Deutschland auf einer Fläche von 1,2 Millionen Hektar Pflanzen für die heimische Biokraftstoffproduktion. Damit wurden 2,0 Millionen Tonnen Biokraftstoffe sowie gleichzeitig 2,3 Millionen Tonnen Futtermittel hergestellt (Soja-Futtermitteläquivalent). Um die in Deutschland gehaltenen Rinder, Schweine und Hühner zu versorgen, wurden 2010 insgesamt 5,1 Millionen Tonnen Soja-Futtermittel importiert, davon 4,2 Millionen Tonnen aus Südamerika und 0,9 Millionen Tonnen aus dem Rest der Welt. Insbesondere in Südamerika wird der Sojaanbau häufig mit der Regenwaldzerstörung und nicht nachhaltigen Anbaumethoden in Verbindung gebracht.[60]

Literatur

Einzelnachweise

  1. Flächennutzung in Deutschland: Die wichtigsten Flächennutzungen. Umweltbundesamt, 6. November 2025, abgerufen am 30. Dezember 2025.
  2. Emily Elhacham, Liad Ben-Uri, Jonathan Grozovski, Yinon M. Ben Bar-On, Ron Milo: Global human-made mass exceeds all living biomass. In: Nature 588. 9. Dezember 2020, S. 442–444, abgerufen am 8. Januar 2026 (englisch).
  3. Effiziente Flächennutzung im Alpenraum. agado.org, abgerufen am 8. Januar 2026.
  4. Flächeninanspruchnahme in Österreich. CCCA Fact Sheet #39. Climate Change Centre Austria (CCCA), 2022, abgerufen am 8. Januar 2026.
  5. VDI-nachrichten: Biokraftstoffe sind weltweit ein Hit. 9. September 2011, Heft 36, S. 10.
  6. Viktoria Thumann: Agro-Sprit: Antriebsmittel für den Welthunger. (Memento vom 25. August 2012 im Internet Archive) Auf Greenpeace.de, 16. Oktober 2007.
  7. Sigrid Totz: Nein, Agrosprit ist nicht bio. (Memento vom 14. März 2011 im Internet Archive) Greenpeace, 10. März 2008.
  8. Agentur für Erneuerbare Energien: Potenzialatlas Bioenergie 2020. PDF.
  9. Potenzialatlas: Platz machen für Erneuerbare, Klimaretter.info (Memento des Originals vom 12. August 2014 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.klimaretter.info vom 14. Januar 2010.
  10. Alterra/IIASA: Atlas of EU biomass potentials. Download (PDF) (Memento vom 6. Mai 2014 im Internet Archive)
  11. EU-Forschungsprojekt 4FCrops (Memento vom 5. Juli 2015 im Internet Archive).
  12. FAO/Töpfer zitiert nach Agentur für Erneuerbare Energien: Der volle Durchblick in Sachen Bioenergie. Berlin 2008, S. 6.
  13. EU Cereal Management Committee 2008.
  14. „Biokraftstoffe sind nicht die Sündenböcke“, VDI nachrichten, 9. März 2012.
  15. Institut für Agrarpolitik: Bestimmungsgründe für das Niveau und die Volatilität von Agrarrohstoffpreisen auf internationalen Märkten. Implikationen für Welternährung und Politikgestaltung (PDF; 3,4 MB), Uni Gießen, 2012.
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  23. Food and Agriculture Organisation of the United Nations (Hrsg.): Livestock’s Long Shadow – Environmental Issues and Options.
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  32. Silvia Liebrich: Die Weltbank und der Streit um Biosprit. In: Süddeutsche Zeitung. 4. Juli 2008.
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  40. Ingo Pies, Die zivilgesellschaftliche Kampagne gegen Finanzspekulationen mit Agrarrohstoffen, Lehrstuhl für Wirtschaftsethik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 2012. Siehe auch Wirtschaftsethiker wirft NGO schlampige Recherche vor, Süddeutsche Zeitung vom 26. August 2012 und Die Moral der Agrar-Spekulation, FAZ 31. August 2012.
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  50. Auf einen Blick - Wald und Forstwirtschaft in Schleswig-Holstein. schleswig-holstein.de, 27. Juni 2025, abgerufen am 19. Januar 2026.
  51. Schulwälder gegen Klimawandel - pflanzt nicht Worte sondern Bäume. United Nations On Decade Ecosystem Restoration, Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz, abgerufen am 26. November 2025.
  52. FAO: Global Food Losses and Food Waste. 2011.
  53. BMELV: Ermittlung der weggeworfenen Lebensmittelmengen und Vorschläge zur Verminderung der Wegwerfrate bei Lebensmitteln in Deutschland. 2012.
  54. Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV): Bekanntmachung über die Förderung der angewandten Forschung auf dem Gebiet der nachwachsenden Rohstoffe im Rahmen des Förderprogramms „Nachwachsende Rohstoffe“ der Bundesregierung zum Schwerpunkt „Innovative Mehrfachnutzung von nachwachsenden Rohstoffen, Bioraffinerien“ vom 24. April 2008, silo.tips.
  55. Verordnung über Anforderungen an eine nachhaltige Herstellung von Biomasse zur Stromerzeugung (Biomassestrom-Nachhaltigkeitsverordnung - BioSt-NachV).
  56. Verordnung über Anforderungen an eine nachhaltige Herstellung von Biokraftstoffen (Biokraftstoff-Nachhaltigkeitsverordnung – Biokraft-NachV).
  57. Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) 2008: Zukunftsfähige Bioenergie und nachhaltige Landnutzung (PDF; 25,3 MB)
  58. Film zur Nachhaltigkeitsverordnung.
  59. Tagesspiegel, 7. März 2011; vgl. auch Renews Kompakt Okt. 2013, S. 8.
  60. Zahlen und Grafik bei der Agentur für Erneuerbare Energie.