Umspannwerk Urberach

Umspannwerk Urberach
Blick auf Teile der Schaltanlage am Standort Urberach

Blick auf Teile der Schaltanlage am Standort Urberach

Daten
Ort Urberach (Stadt Rödermark), Hessen
Bauherr Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk (ursprünglich)
Baujahr 1960/1961
Grundfläche 151 000 m²
Koordinaten 49° 58′ 27,8″ N, 8° 46′ 19,9″ O
Umspannwerk Urberach (Hessen)
Umspannwerk Urberach (Hessen)
Besonderheiten
Spannungsebenen 380, 220 und 110 kV; zentraler Netzknoten im südlichen Rhein-Main-Gebiet; eigener Gleisanschluss für Schwertransporte

Das Umspannwerk Urberach ist eine Umspann- und Schaltanlage westlich des Rödermarker Stadtteils Urberach im Landkreis Offenbach in Hessen. Die Anlage wird vom Übertragungsnetzbetreiber Amprion betrieben und arbeitet auf den Spannungsebenen 380, 220 und 110 kV. Das Umspannwerk erstreckt sich über eine Fläche von etwa 15 Hektar und bildet einen bedeutenden Netzknoten im südlichen Rhein-Main-Gebiet.

Lage

Das Umspannwerk liegt westlich des Ortskerns von Urberach in der Gemarkung der Stadt Rödermark und grenzt an die Bundesstraße 486, die als Hauptverkehrsachse zwischen Urberach und Offenthal dient.

Ein infrastrukturelles Merkmal des Standorts ist der Gleisanschluss an die Dreieichbahn, über den ein Anschlussgleis vom öffentlichen Schienennetz direkt in das Umspannwerksgelände führt. Dieser Anschluss wird regelmäßig für den Transport großer Transformatoren und schwerer Komponenten genutzt; hierfür waren in den letzten Jahren mehrfach Instandsetzungsarbeiten und Sperrungen der Bundesstraße 486 erforderlich, weil das Gleis über die Straße hinweg erneuert bzw. verstärkt wurde.[1]

Geschichte

Das Umspannwerk wurde in seiner ersten Ausbaustufe in den Jahren 1960 bis 1961 errichtet.[2] Der Standort an der B 486 zwischen Urberach und Offenthal wurde gewählt, da hier bereits mehrere Hoch- und Höchstspannungsleitungen existierten:

  • Die HEAG nahm in Juni 1918 eine einkreisige Leitung zwischen dem Kraftwerk Dettingen und ihrem eigenen Umspannwerk in Darmstadt. Diese wurde anfangs mit einer Spannung von 20 kV betrieben, ab 1926 dann mit 50 kV und ab 1935 dann im Zuge einer Vereinheitlichung von Übertragungsspannungen mit 110 kV.[3]
  • Die Main-Kraftwerke errichteten zwischen 1924 und 1926 zwischen ihrem eigenen Kraftwerk Höchst und dem Kraftwerk Dettingen eine zweikreisige Leitung mit Einschleifung zum HEAG-Umspannwerk in Darmstadt, um einen Verbundbetrieb zwischen Mainkraftwerken, RWE, Bayernwerk und HEAG herzustellen. Die anfangs mit 50 kV betriebene Leitung wurde ebenfalls 1935 auf 110 kV umgestellt.[3]
  • Das RWE baute ab Mitte der 1930er Jahre eine zweite Nord-Süd-Achse, um elektrische Energie zwischen dem Ruhrgebiet und Süddeutschland auszutauschen. Die Leitung vom Umspannwerk Kelsterbach zum Neckar ging 1936 mit einem 220-kV- und einem 110-kv-Stromkreis in Betrieb. Erstgenannter führte weiter zum Umspannwerk Hoheneck, letzterer war mit den Kraftwerken der Neckar-Staustufen zwischen Heilbronn und Heidelberg verbunden.
  • Ebenfalls durch das RWE entstand 1949 eine 220-kV-Leitung vom Umspannwerk Kelsterbach zur Landesgrenze nach Bayern, von wo die Leitung weiter zum Umspannwerk Aschaffenburg des Bayernwerks führte. Diese Leitung ermöglichte es, nach Unterbrechung der Stromlieferungen auf der 1938–41 gebauten Reichssammelschiene durch die sowjetische Militäradministration eine Verbindung zwischen den bayerischen und den westdeutschen 220-kV-Anlagen wiederherzustellen.

Das Umspannwerk verfügte anfangs über die Spannungsebenen 220 kV und 110 kV. Hierbei wurde der Stromkreis von Kelsterbach nach Hoheneck in die Anlage eingeschleift, sodass zwei separate, in die 220-kV-Schaltanlage mündende Stromkreise entstanden. Die Leitung von Höchst bzw. Kelsterbach nach Dettingen wurde unterbrochen und aus beiden Richtungen in die 110-kV-Schaltanlage eingebunden. Dies geschah auch mit der einkreisigen Leitung Kraftwerk Dettingen – Darmstadt, die hierfür auf ein Vierfachgestänge gelegt wurde. Zwei neue zweikreisige 110-kV-Leitungen entstanden ebenso, von denen das RWE eine über Groß-Umstadt und Sandbach nach Erbach baute, wo sich bereits ein 110-kV-Umspannwerk befand, von dem eine Leitung zum Wasserkraftwerk Hirschhorn führte.[3] Erstmals bestand damit in Südhessen ein Ringschluss auf der 110-kV-Ebene. Die andere Leitung wurde in nördliche Richtung gebaut, wo sie über das Umspannwerk Dietzenbach zum Umspannwerk Heusenstamm führte.

Eine große Erweiterung fand Ende der 1970er Jahre statt, als das Umspannwerk um eine 380-kV-Schaltanlage ergänzt wurde.[4] Hierfür entstanden zwei neue Leitungen, von denen eine von Süden bzw. Südwesten her kommt und eine von Nordosten. Die Leitung von Südwesten wurde für vier 380-KV- und zwei 220-KV-Stromkreise dimensioniert, da sie an das Kernkraftwerk Biblis sowie das 380-kV-Umspannwerk Bürstadt angebunden war und somit große Mengen an elektrischer Energie ins Rhein-Main-Gebiet transportieren sollte. Die beiden 220-kV-Stromkreise zweigten von der Leitung Kelsterbach–Pfungstadt der Nord-Süd-Leitung ab. Allerdings waren nie alle Stromkreise der Leitung gleichzeitig in Betrieb, bis zur ersten Erweiterung des Umspannwerks Pfungstadt im Jahr 2005 waren es zwei 380-kV-, zwei 220-kV- und ein 110-kV-Kreis. Die Leitung nach Nordosten trug zwei 380-kV-Kreise, die zum Umspannwerk Großkrotzenburg führten, wo einerseits das Kraftwerk Staudinger einspeiste, andererseits eine Netzkuppelstelle mit dem Höchstspannungsnetz der Preußenelektra existierte. Der 110-kV-Stromkreis auf demselben Gestänge führte zum Umspannwerk Kahl, das sich zum Kraftwerk Dettingen benachbart befand.

In dieser Konstellation existierte das Umspannwerk Urberach bis kurz nach der Jahrtausendwende, als im Zuge der Strommarktliberalisierung und der sich abzeichnenden Energiewende größere Umstrukturierungsmaßnahmen im Hochspannungsnetz stattfanden. In den 1990er Jahren wurde die Leitung von Dettingen nach Darmstadt auf ganzer Länge abgebaut. Nach der endgültigen Stilllegung des zuletzt nur noch als Reserve genutzten Kraftwerks Dettingen im Jahr 2001 wurde auch die Leitung von Dettingen nach Urberach demontiert, wobei ein Abschnitt von Dettingen zum Umspannwerk Seligenstadt erst nach Inbetriebnahme eines Erdkabels unter dem Main im Jahr 2011 verschwand. Ebenfalls in den 2000er Jahren wurde im Zuge der Umspannung des Umspannwerks Aschaffenburg von 220 auf 380 kV auch die 220-kV-Leitung Urberach–Aschaffenburg abgebaut.

Im Zuge der Netzverstärkung auf der Strecke Urberach – Weinheim – Karlsruhe wurde im März 2017 mit ersten Umbaumaßnahmen am Umspannwerk begonnen. Dabei wurde die 220-kV-Schaltanlage erstmals verkleinert und drei alte Freileitungsmasten abgebaut.[5]

Technische Funktion

Das Umspannwerk dient der Umspannung und Schaltung elektrischer Energie zwischen den Spannungsebenen 380, 220 und 110 kV. Es stellt damit eine Schnittstelle zwischen dem überregionalen Übertragungsnetz und nachgelagerten Hoch- und Mittelspannungsnetzen dar.

Die Anlage umfasst Transformatoren, Sammelschienen, Leistungsschalter sowie Schutz- und Leittechnik. Der Standort ist für hohe Übertragungsleistungen ausgelegt und spielt eine zentrale Rolle bei der Stabilisierung des regionalen und überregionalen Stromnetzes.

Nutzung des Gleisanschlusses

Transport eines 284-Tonnen-Transformators per Bahn am Umspannwerk Urberach

Bei größeren Komponentenlieferungen – etwa für Transformatoren oder schwere Schaltanlagen – wird der Gleisanschluss aktiv genutzt, um Transporte per Zug direkt ins Umspannwerksgelände zu bringen. So wurde im Jahr 2019 ein Transport eines rund 284-Tonnen-Transformators aus Mannheim-Rheinau nach Rödermark-Urberach dokumentiert, bei dem der Gleisanschluss und das dortige Nebengleis für das Umladen und Aufstellen der Anlage genutzt wurden.[6]

Netzanbindung

Das Umspannwerk Urberach ist an mehrere Hoch- und Höchstspannungsleitungen angebunden. Von besonderer Bedeutung ist die Verbindung zur 380-kV-Leitung Bürstadt–Urberach, über die das südliche und westliche Rhein-Main-Gebiet an das deutschen Höchstspannungsnetz angebunden ist. Weitere Leitungen verbinden den Standort mit benachbarten Umspannwerken und regionalen Netzknoten.

Netzausbau

Das Umspannwerk ist Teil der sogenannten Stromachse Frankfurt–Karlsruhe. Im Rahmen des Netzausbauvorhabens 19 (Urberach–Pfungstadt–Weinheim G380) wird die bestehende 220-kV-Infrastruktur abschnittsweise durch 380-kV-Technik ersetzt oder ergänzt. Ziel ist die Erhöhung der Übertragungskapazität und die Anpassung des Netzes an veränderte Einspeise- und Lastflüsse, insbesondere im Zusammenhang mit der Energiewende.[7]

Der Übertragungsnetzbetreiber Amprion beschreibt für den Abschnitt Urberach–Weinheim den Rückbau bestehender 220-kV-Leitungen und den Neubau einer 380-kV-Freileitung, überwiegend in bestehender Trasse.[8]

Commons: Umspannwerk Urberach – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Sperrung der B486 wegen Gleisanschlussarbeiten am Umspannwerk Urberach. In: op-online.de. 21. Oktober 2015, abgerufen am 7. Januar 2026.
  2. Festschrift 750 Jahre Urberach. In: Stadt Rödermark (PDF). S. 46–47, abgerufen am 7. Januar 2026.
  3. a b c HEAG: Chronik 1912–2012. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 4. März 2016; abgerufen am 18. Januar 2026.
  4. Umspannwerk in Urberach: Knisternde Hochspannung. In: op-online.de. 2. Juli 2016, abgerufen am 7. Januar 2026.
  5. Abbau von Strommasten in Urberach: Bilder. In: op-online.de. 17. März 2017, abgerufen am 18. Januar 2026.
  6. Transport eines 284-Tonnen-Transformators nach Urberach. In: lok-report.de. 18. September 2019, abgerufen am 7. Januar 2026.
  7. Urberach–Pfungstadt–Weinheim G380 (Vorhaben 19). In: Bundesnetzagentur. Abgerufen am 7. Januar 2026.
  8. Urberach–Weinheim. In: Amprion. Abgerufen am 7. Januar 2026.