W88 (Kernwaffe)

Der Kernsprengkopf W88 sowie der geänderte W88 Alt 370 sind thermonukleare Gefechtsköpfe der USA für die seebasierten Atomstreitkräfte der USA, viz. auf Atom-U-Booten als Trägersystemen und entsprechenden Interkontinentalraketen (SLBMs). Der W88 wurde in den 1980er Jahren (Kalter Krieg) entwickelt und produziert und ist bis heute zusammen mit den Varianten des W76-Kernsprengkopfs im Einsatz. Sie bilden eine Grundlage für die nationale nukleare Abschreckung der USA.

Die Kernsprengköpfe W78 und der W87 sind für landbasierte Träger (Interkontinentalraketen (ICBMs)) zum Einsatz bestimmt.

Geschichte

Vermuteter Schematischer Aufbau:
  • Tritium-Deuterium
  • oben: Plutonium
  • Sprengstoff
  • Fogbank
  • unten: Uran
  • LiD
  • 238U-Reflektor
  • Der W88 ist der jüngste Kernsprengkopf (englisch warhead (W)) im Atomarsenal der USA. Er wurde für die Trident II D-5-SLBMs zur Stationierung auf Atom-U-Booten der Ohio-Klasse (SSBN) vom Los Alamos National Laboratory (LANL), Sandia National Laboratories (SNL) u. a. entwickelt und hergestellt. Die Dachorganisation ist National Nuclear Security Administration (NNSA).

    Die Aufgabe war die Entwicklung eines Kernsprengkopfs mit relativ hoher Sprengkraft, jedoch keine Megatonnen (Mt) wie im Kalten Krieg, und hoher Zielgenauigkeit zum Bekämpfen von „harten“ Zielen wie beispielsweise Raketensilos. Der ebenfalls für die Trident-SLBM entwickelte W76-Kernsprengkopf war dazu nicht in der Lage. Das grundlegende Design stammt aus den 1970er Jahren und konnte noch vor dem Inkrafttreten des Threshold Test Ban Treaty (TTBT) 1976 mit voller Sprengkraft getestet werden.

    W88

    Die konkreten Entwicklungsarbeiten am Kernsprengkopf W88 begannen im März 1984 in Los Alamos. Im März 1986 begannen die Entwicklungsarbeiten für das finale Produktionsdesign und die ersten Kernsprengköpfe wurden im März 1989 fertiggestellt. Die Massenproduktion begann im April 1989 mit 4000 bis 5000 geplanten Einheiten. Allerdings wurde die Anlage zur Herstellung der Plutoniumkerne in Rocky Flats Plant (RFP) im November 1989 nach einer Razzia durch das FBI wegen Umwelt- und Sicherheitsproblemen endgültig geschlossen.[1] Damit endete auch die Produktion des W88.

    Admiral Raymond G. Jones, Jr. erklärte, dass genügend W88-Kernsprengköpfe zum Ausrüsten von 4 U-Booten der Ohio-Klasse produziert seien, was bei 8 Kernsprengköpfe und 24 Raketen pro Boot etwa 800 Einheiten entspricht. Allerdings wird von den meisten Quellen eine Anzahl von 400 Sprengköpfen angegeben. Laut dem Nuclear Notebook des Bulletin of the Atomic Scientists befanden sich Ende 2008 384 W88 im aktiven Dienst mit weiteren 20 in Reserve.[2]

    Durch die Schließung des RFP waren die USA bis zur Mitte des Jahres 2003 außerstande, Plutoniumkerne für Kernwaffen herzustellen. In jenem Jahr wurde an der TA-55-Einrichtung, einem neuen Plutoniumlabor in Los Alamos, der erste neue zertifizierbare Plutoniumkern für einen W88-Kernsprengkopf seit 1989 hergestellt. Diese Anlage soll bis zu 10 Kerne pro Jahr für den W88 produzieren, die für Testzwecke zerstörte Kerne ersetzen sollen.

    Spionageverdachtsfall China – Wen Ho Lee – Cox Report

    Laut Behörden begann der Spionagefall in den 1980er Jahren. Der Fall kam jedoch erst Mitte der 1990er Jahre ins Rollen und zog sich bis zur Jahrtausendwende hin.

    Im Juni 1995 wandte sich ein „Walk-in“-Agent des Geheimdienstes der Volksrepublik China an das Büro der Central Intelligence Agency (CIA) der Vereinigten Staaten in Taiwan.[3] Er übergab ihnen einen Stapel Dokumente mit der Einstufung „Geheim“. Diese sollen Konstruktionsinformationen zu verschiedenen US-amerikanischen Kernsprengköpfen enthalten haben, darunter der W88. Nur eines dieser Dokumente soll ausfällige Daten von Kernwaffentechnologie enthalten haben. Es galt somit als Auslöser der folgenden Ereignisse. Es wurde spekuliert, dass dieser Walk-in-Agent ein Zeichen der chinesischen Regierung an die US-Regierung war, um ihre zukünftigen nuklearen Fähigkeiten zu bewerben.

    Zunächst kam es zu einer Reihe von zeitverzögerten Übertragungen dieser Information zwischen offiziellen Personen und Behörden. Personen wie John Deutsch, Hazel O'Leary, Leon Panetta und George Tenet erfuhren erst Wochen bis Monate später davon, und auch der US-Präsident Bill Clinton wurde nicht sofort informiert. Dieser wurde erst Anfang 1998 vom damaligen Sicherheitsberater Sandy Berger informiert.

    Das FBI wurde am 31. Oktober 1995 informiert und begann daraufhin mit den Ermittlungen zu dieser Spionagekampagne, bei der es um nukleare Geheimnisse ging. Geheimdienste vermuteten, dass die Volksrepublik China bereits vor dem Inkrafttreten des CTBT-Abkommens, welches aktives Testen verbietet und damit die Entwicklung von Kernwaffen signifikant einschränkt, moderne und kleinere Kernsprengköpfe entwickelte und erprobte. Diese Entwicklungen sind ein notwendiger technologischer Vorsprung, um mehrere Kernsprengköpfe auf einer Rakete zu integrieren, was auch als Mehrfachwiedereintrittskörper-Technologie (MIRV) bekannt ist. China war in dieser Technologie zu diesem Zeitpunkt noch nicht so weit fortgeschritten wie die USA.

    Im Frühjahr 1996 kamen Sicherheitsexperten des Department of Energy (DOE) zu dem Ergebnis, dass die chinesischen Atomwaffentests Ähnlichkeiten zum fortschrittlichsten US-amerikanischen Kernsprengkopf, dem W88, aufwiesen. Diese Informationen wurden auch dem CIA zugespielt.

    Im Mai 1997 geriet der Kernwaffenexperte Dr. Wen Ho Lee in Los Alamos unter Verdacht.[4][5][6] Lee, der am 21. Dezember 1939 in der Republik China (Taiwan) geboren wurde und in den USA studierte, arbeitete in der Division X[7] am Los Alamos National Laboratory (LANL) an dem neuen Kernsprengkopf W88 mit. Er besaß seit 1974 die US-Staatsbürgerschaft. Lee kennt das Design des neuen W88 vollständig.

    Obwohl Lee zunächst verdächtigt wurde, der Regierung wichtige Konstruktionsdetails des W88-Sprengkopfes an China weitergegeben zu haben, konzentrierte sich der gegen ihn gerichtete Fall zu einer rassistischen Verfolgung und Rufmordkampagne.

    Das LANL warf ihm Fehlverhalten im Umgang mit Verschlusssachen vor. Er soll Codes oder Daten aus einem gesicherten Bereich in einen ungesicherten Bereich kopiert haben. Damit habe er die Sicherheitsregeln des Department of Energy (DOE) verletzt. Dies wurde jedoch erst entdeckt, nachdem er aus Los Alamos entlassen worden war.

    Lee wurde des Spionageverdachts bezichtigt, da er zwei offiziell genehmigte Reisen nach China unternommen hatte. Diese Reisen waren vom FBI genehmigt worden. Während einer dieser Reisen wurde er von einem chinesischen Informanten nach Informationen gefragt. Nach seiner Rückkehr in die USA hat Lee diesen Zwischenfall nicht ordnungsgemäß gemeldet, was er hätte tun müssen. Dieser Einzelfall genügt jedoch nicht für den überproportionalen Verdacht der Spionage für China, der ihm vorgeworfen wurde.

    Im Mai 1999 wurde der teilweise klassifizierte Cox-Report durch Christopher Cox und andere Politiker veröffentlicht. Der offizielle Titel lautet englisch U.S. NATIONAL SECURITY AND MILITARY/COMMERCIAL CONCERNS WITH THE PEOPLE’S REPUBLIC OF CHINA.[8] Dieser 900 Seiten lange Bericht wurde von anderen Fachleuten geprüft und kritisiert. Der Name Wen Ho Lee wird darin nicht genannt, sondern es ist von einem Verdächtigen (englisch suspect) die Rede.

    Am 10. Dezember 1999 wurde der asiatisch-amerikanische Physiker Dr. Wen Ho Lee verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen, als Top Secret klassifizierte Geheimnisse entwendet und an die chinesische Regierung weitergegeben zu haben. Er wurde neun Monate lang ohne Kaution in Einzelhaft gehalten. So durfte er seine Familie beispielsweise nur eine Stunde pro Woche sehen und war gefesselt. Für diese Anschuldigung der Spionage gab es jedoch nie Beweise.

    Sein Profil wurde umfassend untersucht. Seine Karriere bzw. seine Forschungsarbeiten am LANL kamen zum Erliegen. Er wurde wegen unsachgemäßer Handhabung von Informationen angeklagt, jedoch nicht wegen Spionage für China. Der Fall Wen Ho Lee warf wichtige Fragen hinsichtlich des Fehlverhaltens der Regierung und der rassistischen Profilerstellung auf.[9] Lee erhielt von der US-Bundesregierung und fünf Nachrichtenagenturen eine Entschädigung in Höhe von 1,6 Millionen Dollar wegen Verletzung seiner Privatsphäre.[10][11] Zu diesem Fall gab es mehrere Publikationen.[12][13]

    W88 Alt 370

    Im Oktober 2012 wurde das W88 Alteration 370-Programm zur Weiterentwicklung und Modernisierung gestartet. Unter anderem wurde der Zündmechanismus sowie die konventionellen Sprengstoffe modernisiert. Im Juli 2021 wurde der erste Gefechtskopf ausgeliefert, der letzte soll (Stand 2023) im Jahr 2025 ausgeliefert werden.[14][15][16]

    Design

    Steuer- und Kontrollsysteme MC3810 MK5

    Der W88 ist eine nicht-sphärische, zweistufige Variante des Teller-Ulam-Designs mit einer Sprengkraft von 475 kt. Sein Aufbau stimmt weitgehend mit dem des vom Lawrence Livermore National Laboratory (LLNL) entworfenen W87-Kernsprengkopf überein. Die erste Stufe der Waffe besteht aus einer mit Deuterium-Tritium-Gas gefüllten Plutoniumkugel mit einem Neutronen-Reflektor aus Beryllium. Der chemische Sprengstoff, der den Kern zur Implosion bringt, ist PBX-9501 (Oktogen/Weichmacher), der an zwei Punkten gezündet wird. Der Fusionssprengstoff ist Lithiumdeuterid mit 95%igem 6Li. Die Fusionsstufe ist mit hochangereichertem Uran umgeben. Die Elektronik des Kernsprengkopfs ist gegen nukleare Effekte, z. B. elektromagnetische Pulse, gehärtet.[17]

    Der W88 ist in einem Mk5-Wiedereintrittskopf (Hitzeschild) untergebracht. Dieser besteht aus mit Graphit-Epoxidharz-Verbundwerkstoff beschichtetem Aluminium und einer Spitze aus CFK. Der Mk5 ist weitgehend baugleich mit dem Mk21-Wiedereintrittskopf des W87.

    Alle Angaben sind ohne Gewähr hinsichtlich ihrer Richtigkeit.

    Daten

    Sprengsatz W88 W88 Alt 370
    Wiedereintrittskörper Mk5
    Status aktiver Bestand
    Betreiber US Navy (USN)
    Entwickler LANL, SNL, u. a. Einheiten des NNSA
    Entwicklungsbeginn 1984 Oktober 2012
    Produktionsbeginn April 1989 Mitte 2020 (erstes Serienprodukt Juli 2021)
    Produktionsende Dezember 1989 2025 (voraussichtlich)
    Produzierte Stückzahl >400 unbekannt
    Design Teller-Ulam, zweistufig, nicht sphärisch
    Masse unter 360 kg unbekannt
    Länge 1,75 m
    Maximaler Durchmesser 0,55 m
    Sprengkraft 475 kt unbekannt
    Trägersystem Trident II D-5
    Anzahl pro Träger 4–6 (max. 8 durch START-1)
    Streukreisradius etwa 100 m unbekannt
    Quelle:[14]

    Siehe auch

    Einzelnachweise

    1. The W88 Warhead. NWA, 1. Oktober 1997, abgerufen am 28. November 2025 (englisch).
    2. Robert S. Norris, Hans M. Kristensen: U.S. Nuclear Forces, 2009. In: Bulletin of the Atomic Scientists. Band 65, Nr. 2, 1. März 2009, ISSN 0096-3402, S. 59–69, doi:10.2968/065002008 (englisch, sagepub.com [abgerufen am 28. November 2025]).
    3. James Risen, Jeff Gerth: China Stole Nuclear Secrets From Los Alamos, U.S. Officials Say. In: NYT. 6. März 1999, archiviert vom Original am 27. September 2007; abgerufen am 19. Januar 2026 (englisch).
    4. Stephen I. Schwartz: A Very Convenient Scandal. In: Bulletin of the Atomic Scientists. Band 55, Nr. 3, Mai 1999, ISSN 0096-3402, S. 34–39, doi:10.1080/00963402.1999.11460335 (englisch, tandfonline.com [abgerufen am 19. Januar 2026]).
    5. The Wen Ho Lee Case. In: Science. Band 290, Nr. 5500, 22. Dezember 2000, ISSN 0036-8075, S. 2224–2224, doi:10.1126/science.290.5500.2224b (englisch, science.org [abgerufen am 28. November 2025]).
    6. Stephen. I Schwartz: Scientist, Fisherman, Gardener…Spy? In: Bulletin of the Atomic Scientists. Band 56, Nr. 6, 1. November 2000, ISSN 0096-3402, S. 31–38, doi:10.2968/056006010 (englisch, doi:10.2968/056006010 metapress.com [abgerufen am 19. Januar 2026]).
    7. Heute Division X Computational Physics und X Theoretical Design u.a.
    8. Christopher Cox et al.: H. Rept. 105-851 - REPORT OF THE SELECT COMMITTEE ON U.S. NATIONAL SECURITY AND MILITARY/COMMERCIAL CONCERNS WITH THE PEOPLE'S REPUBLIC OF CHINA. 1999, abgerufen am 19. Januar 2026 (englisch).
    9. Stephen I. Schwartz: A Tragedy of Errors. In: Bulletin of the Atomic Scientists. Band 58, Nr. 4, 1. Juli 2002, ISSN 0096-3402, S. 61–64, doi:10.2968/058004015 (englisch, doi:10.2968/058004015 metapress.com [abgerufen am 19. Januar 2026]).
    10. Viewpoint: Wen Ho Lee's Settlement. APS, 2006, archiviert vom Original am 14. Mai 2025; abgerufen am 28. November 2025 (englisch).
    11. Media pay damages to Los Alamos physicist Wen Ho Lee, but admit no wrongdoing. Physics Today, 5. Juni 2006, abgerufen am 28. November 2025 (englisch).
    12. Wen Ho Lee, Helen Zia: My Country Versus Me. The First-Hand Account by the Los Alamos Scientist Who Was Falsely Accused of Being a Spy. Hyperion Books, New York 2003, ISBN 978-0-7868-6803-2 (englisch, archive.org).
    13. Dan Stober, Ian Hoffman: A Convenient Spy: Wen Ho Lee and the Politics of Nuclear Espionage. Simon & Schuster, New York 2001, ISBN 978-0-7432-2378-2 (englisch, archive.org [abgerufen am 28. November 2025]).
    14. a b W88 Alteration 370 (Maintaining the Stockpile). National Nuclear Security Administration, 31. Dezember 2018 (osti.gov [abgerufen am 28. November 2025]).
    15. Fact Sheet W88 ALT 370. Archiviert vom Original am 10. August 2023; abgerufen am 28. November 2025.
    16. Pantex: W88 ALT 370 Last Production Unit. In: YouTube. 17. Dezember 2025, abgerufen am 11. Januar 2026.
    17. W88. GlobalSecurity, 17. September 2021, abgerufen am 28. November 2025 (englisch).