Crush-Niere
| Klassifikation nach ICD-10 | |
|---|---|
| T79.5 | Crushniere, Crush-Syndrom |
| ICD-10 online (WHO-Version 2019) | |
Als Crush-Niere oder seltener auch als myorenales Syndrom wird in der Medizin eine akute Niereninsuffizienz infolge eines Zerfalls von größeren Muskelmassen bezeichnet.
Oft wird nicht zwischen einer Crush-Niere und dem Crush-Syndrom unterschieden. Beide Begriffe werden heute nur noch selten verwendet. Mitunter bleibt auch unklar, ob neben den Muskeln auch die Nieren gequetscht werden oder ob die Nierenschädigung reversibel ist.
Definition
„Crush-Syndrom: akute, lebenbedrohliche Nierenschädigung durch Zutritt vom Muskelfarbstoff ins Blut (Myoglobinämie) infolge ausgedehnter Muskelquetschung oder Muskelzerfalls bei schweren Unfällen. Kreislaufschwäche mit drohendem Nierenversagen und Schock.“[1]
Begriffe
Mitunter wurden die beiden Fachbegriffe Crush-Syndrom und Crush-Niere synonym gebraucht und um das Eponym Bywaterssche Krankheit ergänzt. Eric George Lapthorne Bywaters (* 1. Juni 1910 in London; † 2. April 2003 in Beaconsfield) war ein britischer Mediziner. Ein schweres Trauma mit Schock heißt im Englischen crush injury.[2]
Ein aktuelles internationales Lehrbuch beschreibt die myoglobin induced nephropathy following crush syndrome.[3]
Gelegentlich findet sich auch die Falschschreibung (fehlendes s) Bywater's syndrome.[4] Bywaters syndrome ist der heute im Englischen und damit in der internationalen Fachsprache präferierte Goldstandard. Orthographisch korrekt wäre jedoch Bywaters’s syndrome.
Willibald Pschyrembel beschreibt die Crush-Niere als eines der Symptome des Crush-Syndroms.[5]
Peter Reuter nennt 2007 zahlreiche Synonyme: crush kidney, Crush-Syndrom, Quetschungssyndrom, Verschüttungssyndrom, Muskelzerfallssyndrom, myorenales Syndrom beziehungsweise tubulovaskuläres Syndrom.[6]
Hans Julius Wolf beschrieb 1960 die Crush-Niere und ihre Therapie im Sinne der akuten tubulären Insuffizienz.[7]
François Reubi erwähnte 1982 andere Synonyme: „Schockniere, akute Tubulonephritis, ‚lower nephron nephrosis‘, ‚crush syndrome‘, Syndrom von Bywaters, chromoproteinurische Nephropathie, tubuläre Insuffizienz.“[8]
Walter Siegenthaler beschrieb 1984 zusätzliche weitere Synonyme: acute tubular necrosis, Crushniere, Chromoproteinniere (nach Hans Ulrich Zollinger[9]), akutes tubuläres Syndrom.[10]
Tinsley Randolph Harrison erwähnt die Crushverletzung im deutschsprachigen Inhaltsverzeichnis in Zusammenhang mit einer Niereninsuffizienz ohne jede weitere Erklärung.[11] In der englischen Originalausgabe fehlt in der 21. Auflage im Inhaltsverzeichnis sogar das Wort crush.[12] Genauso erwähnen das The Merck Manual[13] und Gerd Harald Herold das Wort crush nicht.[14] In der deutschsprachigen Ausgabe des Merck Manuals wurde 2000 das Crush-Syndrom erklärt.[15] Auch in den aktuellen deutschsprachigen Fachbüchern der Nierenheilkunde sucht man Hinweise auf einen crush vergeblich.
Ursachen
Der Muskelzerfall kann als Crush-Syndrom durch äußere Einflüsse als Folge einer Verletzung oder Quetschung großer Muskelanteile entstehen, oft bei Verbrennungs-, Erdbeben- und Verschüttungsopfern. Er kann auch als Rhabdomyolyse aus innerer Ursache auftreten, z. B. als unerwünschte Arzneimittelwirkung, durch Schlangengift, bei maligner Hyperthermie, bei einer Kohlenstoffmonoxidvergiftung und nach Elektrounfällen.
Pathophysiologie
Die bei der Crush-Niere komplizierende Niereninsuffizienz wurde lange als Folge einer „Verstopfung“ der Nierenkanälchen durch Produkte des Muskelzerfalls, hauptsächlich durch Myoglobin, angesehen.[16] Myoglobin wirke tubulotoxisch.[17]
Heute geht man davon aus, dass die akute Funktionsstörung der Tubuli (Tubulopathie) durch ein komplexes Schockgeschehen verursacht wird, an dem saure Stoffwechselprodukte (Azidose), ein Sauerstoffmangel des Nierengewebes, aus dem Gewebe freigesetztes Kalium und adrenerge Kompensationsmechanismen sowie bestimmte Proteine einen Anteil haben.
„Hypovolämie und renale Minderperfusion sind prädisponierende Faktoren für eine akute Tubulusschädigung mit Nierenversagen bei der Rhabdomyolyse.“[18]
Therapie
Bessert sich die klinische Situation nicht, so ist es sinnvoll, zusätzliche Flüssigkeit zu geben sowie die Konzentration der Elektrolyte im Blut zu bestimmen und diese gegebenenfalls zu substituieren. Weiterhin hilft Mannitol dabei, die extrazelluläre Flüssigkeit in das Blut zu mobilisieren, und das Alkalisieren des Blutes sorgt dafür, dass sich das Myoglobin besser im Blut und somit später im Urin löst.
Schon bei frühen Anzeichen von Komplikationen (zum Beispiel Oligurie, Anurie) sollte die Möglichkeit erwogen werden, Nierenersatzverfahren bereitzustellen. „Nach Überwindung der akuten Symptome macht die Crush-Niere mit Anurie eine Hämodialysebehandlung erforderlich.“[19]
Prognose
Auch Ernst Lauda rechnete 1951 das Crush-Syndrom zu den extrarenalen Nierensyndromen nach Wilhelm Nonnenbruch: „Die anurischen Fälle oder jene, bei welchen die schwere Oligurie persistiert, enden in kurzer Zeit letal. Setzt eine Diurese ein, so kommt es in der Mehrzahl der Fälle zu einer Restitutio ad integrum, bei den restlichen Fällen resultiert ein verschieden schwerer Dauerschaden.“[20]
Geschichte
„Das akute Nierenversagen trat zuerst anläßlich ziviler und militärischer Katastrophenfälle in das ärztliche Bewußtsein, so zum Beispiel bei den Erdbeben von Messina bis Agadir und dann vor allem im ersten Weltkrieg an Verschütteten und Schwerverwundeten bis zu seiner Wiederentdeckung als ‚Crush-Syndrom‘ (Bywaters und Beall, 1941) an den Bombenopfern des zweiten Weltkrieges in London.“[21][22]
Wilhelm Nonnenbruch erkannte 1949 das Crush Syndrom als ein typisches Beispiel eines extrarenalen Nieren-Syndroms (Nonnenbruch-Syndrom, Niereninsuffizienz ohne eigentliche Nierenkrankheit).[23] Die Extremitätenmuskeln werden gequetscht; oft bleiben dagegen die durch den Thorax geschützten Nieren unverletzt. „Muskelnekrosen finden sich als Druck- und lokale Anoxiefolge beim Crush-Syndrom.“[24]
Willibald Pschyrembel erwähnte 1951 erstmals das „Crush [englisch zerquetschen, zermalmen] – Syndrom (Bywaters): ausgedehnte Nekrosen und andere Parenchymschäden in Leber und Niere bei groben Verschüttungen der Extremitäten.“[25]
Literatur
- Hanns-Wolf Baenkler (Hrsg.): Kurzlehrbuch Innere Medizin. 4. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-13-220000-5, S. 649 - Hier: Myoglobinurisches akutes Nierenversagen
- John Feehally, Jürgen Floege, Richard J. Johnson: Comprehensive Clinical Nephrology. 3. Auflage, Mosby Elsevier Verlag, Philadelphia 2007, ISBN 978-0-323-04602-2, S. 782 f. (crush syndrome)
Einzelnachweise
- ↑ Brockhaus Enzyklopädie. 19. Auflage, 5. Band, Verlag Friedrich Arnold Brockhaus, Mannheim 1988, ISBN 3-7653-1105-7, S. 45.
- ↑ Günter Thiele (Hrsg.): Handlexikon der Medizin. Band 1 (A–K), Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore 1980, ISBN 3-541-09111-8, S. 443.
- ↑ Norbert Lameire, Wim van Biesen, Raymond Vanholder: Epidemiology, Clinical Evaluation, and Prevention of Acute Renal Failure. In: John Feehally, Jürgen Floege, Richard J. Johnson: Comprehensive Clinical Nephrology. 3. Auflage, Mosby Elsevier Verlag, Philadelphia 2007, ISBN 978-0-323-04602-2, S. 782 f.
- ↑ Whonamedit? - A dictionary of medical eponyms, (http://www.whonamedit.com/synd.cfm/3870.html).
- ↑ Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch, 269. Auflage, Verlag Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2023, ISBN 978-3-11-078334-6, S. 349 f.
- ↑ Peter Reuter: Springer Klinisches Wörterbuch 2007/2008, 1. Auflage, Springer-Verlag, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-34601-2, S. 370.
- ↑ Hans Julius Wolf: Einführung in die innere Medizin. 7. Auflage, VEB Georg Thieme Verlag, Leipzig 1960, S. 557.
- ↑ François Reubi: Nierenkrankheiten. Verlag Hans Huber, 3. Auflage, Bern / Stuttgart / Wien 1982, ISBN 3-456-81140-3, S. 383.
- ↑ Robert Hegglin: Differentialdiagnose innerer Krankheiten. 12. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1972, ISBN 3-13-344812-9, S. 727.
- ↑ Walter Siegenthaler (Hrsg.): Differentialdiagnose innerer Krankheiten. 15. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart / New York 1984, ISBN 3-13-344815-3, S. 25.22.
- ↑ Tinsley Randolph Harrison: Harrisons Innere Medizin. 20. Auflage, Georg Thieme Verlag, Berlin 2020, 1. Band, ISBN 978-3-13-243524-7, S. 5 in Band 1 und S. R-32 im Inhaltsverzeichnis.
- ↑ Joseph Loscalzo, Dennis L. Kasper, Dan L. Longo, Anthony Stephen Fauci, Stephen L. Hauser und J. Larry Jameson (Hrsg.): Tinsley Randolph Harrison: Harrison's Principles of Internal Medicine. 21. Auflage, McGraw-Hill, New York 2022, ISBN 978-1-264-26850-4.
- ↑ Robert S. Porter, Justin L. Kaplan, Richard B. Lynn, Madhavi T. Reddy (Hrsg.): The Merck Manual, 20th Edition, Kenilworth, New Jersey, 2018, ISBN 978-0-911910-42-1, S. 3082.
- ↑ Gerd Harald Herold: Innere Medizin 2023. Selbstverlag, Köln 2023, ISBN 978-3-9821166-2-4.
- ↑ Merck Manual, 6. Auflage, Urban & Fischer Verlag, München / Jena 2000, ISBN 3-437-21750-X, ISBN 3-437-21760-7, S. 532.
- ↑ Roche Lexikon Medizin. 5. Auflage, Verlag Urban & Fischer, München / Jena 1984, ISBN 3-437-15156-8, S. 375.
- ↑ Maxim Zetkin, Herbert Schaldach: Lexikon der Medizin, 16. Auflage, Ullstein Medical, Wiesbaden 1999, ISBN 978-3-86126-126-1, S. 386.
- ↑ Karl-Martin Koch: Klinische Nephrologie. 1. Auflage, Verlag Urban & Fischer, München / Jena 2000, ISBN 3-437-21730-5, S. 823.
- ↑ Walter Siegenthaler (Hrsg.): Klinische Pathophysiologie. 3. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart / New York 1976, ISBN 3-13-449603-8, S. 501.
- ↑ Ernst Lauda: Lehrbuch der inneren Medizin. 3. Band, Springer-Verlag, Wien 1951, Kapitel Lower-Nephron-Nephrosis, S. 249 f.
- ↑ Eberhard Buchborn, H. Edel: Akutes Nierenversagen. In: Herbert Schwiegk (Hrsg.): Handbuch der inneren Medizin, 5. Auflage, 8. Band, 2. Teil, Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1968, ISBN 3-540-04152-4, S. 942–1083, Zitat S. 942; Publikationsverzeichnis von Bywaters auf S. 1061.
- ↑ Eric George Lapthorne Bywaters, D. Beall: Crush injuries with impairment of renal function. In: British Medical Journal, 1941, Band 1, S. 247.
- ↑ Wilhelm Nonnenbruch: Die doppelseitigen Nierenkrankheiten – Morbus Brightii, Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1949, S. 190.
- ↑ Hans Hornbostel, Werner Kaufmann, Walter Siegenthaler (Hrsg.): Innere Medizin in Praxis und Klinik. 2. Band (Niere, Wasser-, Elektrolyt- und Säure-Basen-Haushalt), 4. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart / New York 1992, ISBN 3-13-491204-X, S. 8.47.
- ↑ Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch, 85. – 99. Auflage, Verlag Walter de Gruyter, Berlin 1951, S. 159.